GÉZA ANDA FESTIVAL 2016

CONCOURS GÉZA ANDA 2015

HORTENSE ANDA

HORTENSE ANDA-BÜRLE

Gründerin

Hortense Anda (†)#

Hortense Anda (†)

  • Hortense  Anda-Bührle
  • Schweiz
  • Alter: 90
  • weiblich
  • Profilaufrufe: 9046
  • Gründerin
Über mich:

In Erinnerung an Hortense Anda-Bührle

Würdigung anlässlich der Gedenkfeier vom 18. Juni 2014 - Daniel Fueter

 

Lieber Gratian, liebe Lidija

 

Euer Vertrauen ehrt mich. Ich darf hier und heute Horty aus meiner, eines Musikers Sicht, würdigen. Ich danke Euch. Lieber Gratian, es ist schön, dass die Kraft der Freundschaft, die unsere Eltern verbunden hat, weiter verbindlich ist. Auch wenn wir uns selten begegnet sind, ist da etwas – ich weiss, Du hast das Wort in diesem, unserem Zusammenhang auch gebraucht - wie „Familie“ spürbar geblieben.

 

Ich danke auch den nahen Freunden, dass sie sich der Wahl des Redners nicht entgegenstellten, sondern dass sie mich mit Gratian zusammen berichtend unterstützten. Solchermassen ausgestattet, kann ich versuchen, die Bedeutung des Wirkens von Hortense Anda-Bührle in Worte zu fassen. Es geht um eine aus Talent und Energie einer einzigartigen Persönlichkeit gewachsene Lebensarbeit, die für das Kulturleben unserer Stadt und weit darüber hinaus grosse Bedeutung hat. Viele, die heute ihrer gedenken, wären - nur schon um ihrer Kenntnis, Vertrautheit und Nähe zu Horty willen - würdiger gewesen, an meiner Stelle zu stehen. Ich hoffe, dass ich Einiges von dem zur Sprache bringen kann, was uns alle bewegt.

 

Lassen Sie mich bitte, liebe Trauerfamilie, Anverwandte, Freunde und Bekannte, Mitarbeiterinnen und Partner von Horty in ihren vielfältigen Aktivitäten, Musiker, Mitstreiterinnen, Kulturschaffende und -verantwortliche, bei den zwei Stichworten ansetzen, die sich unwillkürlich eingestellt haben: Familie und Freundschaft. Beiden Begriffen eignet in Horty‘s Leben Grösse.

 

Familie umfasste für sie mehr als die nächste Verwandtschaft. Gratian erinnert sich ihrer partnerschaftlichen und intellektuellen Herausforderung mehr als ihrer behütenden Mütterlichkeit. Familie bedeutete Tradition und emotionale Verantwortung weit über verwandtschaftliche Bande hinaus. In den Interviews der Preisträger des von Hortense Anda gestifteten Concours Géza Anda fällt das Wort „Familie“ immer wieder. Die Teilnehmenden und besonders die Ausgezeichneten, aber auch der grosse Kreis derer, die unterstützend das Umfeld des Concours als Gönner, Gastgeber und Administrierende bestellten, fühlten sich in familiärer Weise eingebunden.

 

Wer jeweils am 19. November – Géza Andas Geburtstag - zu den mit liebevoller Sorgfalt und Akribie ausgerichteten Hauskonzerten an die Zollikerstrasse eingeladen war, bewegte sich gleichsam in der Schnittmenge der beiden grossen Kreise Familie und Freunde. Es ist vielsagend, dass die Grenzen verwischt waren.

 

Wie die Familie war auch der Freundeskreis, der die Vielfalt der Lebensbereiche von Horty spiegelte, ungewöhnlich gross. Es mag dies angesichts einer Persönlichkeit, die stark und durchaus eigensinnig war, die immer wieder gezwungen war, besonders in späteren Jahren, einsame Entscheidungen zu treffen, überraschen. Als Erklärung mag dienen, dass das Fundament, auf dem Freundschaft und Familie aufbauen, mit Wertvorstellungen korrespondierte, denen Horty in allen ihren Aktivitäten nachzuleben suchte: Treue und Tradition.

 

Traditionsbewusstsein und Treue zeichneten nicht nur die liebevolle Pflege des Freundeskreises (die individuell ausgesuchten Geschenke sind legendär), sondern auch die vielfältigen und sehr persönlich geprägten Engagements von Horty aus.

 

Ich erwähne nur die Kartause Ittingen, die Goethe-Stiftung für Kunst und Wissenschaft, das kunsthistorische Institut in Florenz, das Musikdorf Ernen, den Schutz der Tiere und die Schweizer Patenschaft für Berggemeinden. Diese lag auch ihrem Bruder Dieter sehr am Herzen, und über viele Jahre engagierten sich beide dafür.

 

Traditionsbewusstsein und Treue waren auch die Säulen, auf denen zwei herausragende kulturelle Leistungen gründeten: Die Pflege der Bildersammlung ihres Vaters gemeinsam mit ihrem Bruder und die Pflege die Pflege des musikalischen Vermächtnisses des Ehegatten. Diese Pfeiler gaben ihr Standfestigkeit und Energie als Erbin in doppeltem Sinne zu bestehen.

 

Wir alle sind Erbinnen und Erben, tragen in uns und mit uns, was uns mitgegeben wurde. Horty hatte zwei gewaltige Nachlässe zu betreuen und hat dabei viel mehr als ihre Pflicht getan. Das erste Erbe kam ihr und ihrem Bruder Dieter vom verehrten Vater zu, dem die Geschwister ihre Bildung, ihre Weltläufigkeit und ihr Geschichtsbewusstsein verdankten, der Hortys grosses Vorbild war. Eine Reise mit dem Vater in die USA, blieb ihr zeitlebens eine der wichtigsten Erinnerungen, wie die letzte Kulturreise mit Géza Anda durch die Ägäis unvergessen blieb.

 

Des Vaters überraschender Tod – Horty konnte aus den Bergen Nepals noch ans Sterbebett kommen - brachte es mit sich, dass sie zusammen mit ihrem Bruder unternehmerische Verantwortung zu übernehmen hatte, ohne dafür in spezifischer Weise ausgebildet zu sein. Die Praxis war ihr Lehrmeister, Willensstärke und Zielstrebigkeit, Dynamik und Standfestigkeit, Mut und wache Klugheit sind charakterlich stimmige Voraussetzungen, um grossen Belastungen standzuhalten.

 

Ich baue auf die Aussage von Fachleuten, wenn ich würdigend festhalte, dass auch diesen Aspekt ihres Lebenswerkes angehend, das Bewahren Horty wichtiger war als die Durchsetzung eigener Visionen. Ihre Entscheidungen fällte sie aufgrund ihres unternehmerischen und produktebezogenen Denkens. Integer und auf Tradition bedacht, war ihr die spekulative Nutzung der explosiven Entwicklung der Finanzwirtschaft fremd.

 

So entschied sie sich (es wurde mir anschaulich dargelegt) in die Barilla Unternehmung zu investieren und diese zu unterstützen, weil sie an das Produkt glaubte und der Familie verbunden war. Dass Barilla dereinst zu einem international bedeutenden Konzern wachsen könnte, stand nicht im Vordergrund.

In den Auseinandersetzungen um das Unternehmen Oerlikon-Bührle, hielt Hortense Anda-Bührle an ihren Überzeugungen fest, auch auf Kosten eines Konflikts mit ihrem Bruder. So erlebten es jene, die ihr nahestanden.

 

Als Musiker darf ich mich darauf beschränke, den bedeutenden unternehmerischen Teil des Wirkens von Hortense Anda-Bührle nur mit diesen wenigen stellvertretenden Hinweisen, die ich dankbar entgegengenommen habe, zu streifen.

 

Selbstverständlich kam es auch im Leben von Hortense Anda zu Trennungen und zur Abkehr vom Altvertrauten. Kein Leben ist frei von Konflikt und Widerspruch, Fehlentscheidung und Verletzung. Sie konnte durchaus eigenwillig und unnachgiebig sein, wenn sie aufgrund ihrer eigenen Massstäbe und Richtlinien an etwas glaubte. In solchen Situationen konnte sie das Gegenüber mit anderer Meinung gekonnt aktiv ignorieren. Doch die Dominante im Leben von Horty war ihr Glaube und ihre Hingabe an Verpflichtungen, die den Menschen aus der Vergangenheit zuwachsen und welche in der Gegenwart Bestand hatten.

 

Im Umgang mit der Kunst war es unter diesen Voraussetzungen stimmig, dass ihr ästhetisches Empfinden wertkonservativ war, oder – angesichts ihres unbedingten Einsatzes – besser gesagt: idealistisch. Schiller war mit Shakespeare ihr Lieblingsautor. „Die Fähigkeit, das Erhabene zu empfinden, ist eine der herrlichsten Anlagen in der Menschennatur.“ So steht es in seinem Aufsatz „Über das Erhabene“.

 

Dieser Sentenz nachzuleben, das heisst, das Erhabene zu pflegen und den Sinn dafür wachzuhalten, prägte den Umgang mit dem künstlerischen Aspekt des väterlichen Erbes und mit der musikalischen Hinterlassenschaft ihres Ehegatten Géza, deren Essenz sie jungen Musikerinnen und Musikern vermittelte. So gelang ihr ein Brückenschlag zwischen erhabenen Kunstwerken und erhabener Musik der Vergangenheit und der Öffentlichkeit eines neuen Zeitalters, welcher auch in die Zukunft wirkt.

 

In Zürich kannte man Horty als Mäzenin, Gründerin und treibende Kraft des Concours Géza Anda, als kulturelle Instanz und Unternehmerin. Die Öffentlichkeit nahm hier diejenigen Aspekte ihrer Persönlichkeit wahr, welche auf Repräsentation ausgerichtet waren und dem Offiziellen Raum gaben. Wenn hier ein Redner stünde, der Horty aus ihrem zweiten Lebenskreis, jenem in St. Anton, kannte, würden andere Akzente gesetzt und das Bild einer kontaktfreudigen, sportlichen, der Natur verpflichteten, von den Bergen faszinierten Frau, die enge Freundschaften mit Bergführern und Skilehrern pflegte, gezeichnet. In St. Anton konnte sie nach eigenem Gutdünken ihre Kräfte messen und neue Kraft gewinnen.

 

Der Schnee und die Berge waren Horty wichtig. Diese Leidenschaft teilte sie mit ihrem Bruder Dieter. Sie gehörte früh den Damen des Schweizerischen Akademischen Skiclubs an und ihre Freundschaften zu den „zweiten“ Everest Bezwingern, Jürg Marmet und Ruedi Schatz, sowie zum Kartographen Arthur Dürst, hatten die gleiche Wurzel: die grosse Leidenschaft für die Berge. Ich habe erwähnt, dass diese Leidenschaft Horty alleine bis nach Nepal führte.

 

Nepal war nicht das einzige ferne Reiseziel. Die Reisen mit Emil Georg Bührle und Géza wurden genannt. Später war unter anderem Syrien ein Ziel, wo Horty bei der Erkundung von Homs und Aleppo Freundschaft mit dem syrischen Reiseführer schloss. Der Antrieb, Natur und Kultur in fernen Ländern zu erkunden, entsprach einem ihrer Charakterzüge, welcher neben ihrer Verpflichtung der Vergangenheit gegenüber Wichtigkeit zukommt: die Neugierde, die Lernbegier, etwas für die Zukunft zu erfassen.

 

Es ist wohl nicht verfehlt, in dieser Neugierde auch einen wichtigen Antrieb für ihr vitales Interesse an jungen Menschen zu sehen. Sie erkannte die beidseitige Bedeutung des Austausches zwischen Alt und Jung. Jugend war für sie, die Krankheit und Schwäche gerne ausblendete - bei sich selbst ohnehin, aber auch im Umgang mit anderen -, Jugend war für sie gleichlautend wie Lebenskraft, Tatendrang.

 

In einer der Ansprachen („kurz und von Herzen“ war ihr Motto), welche sie anlässlich der jeweiligen Schlussfeier des Concours Géza Anda hielt, sagte sie:

 

„In einer Zeit, die von kaltblütigem Machtanspruch und von Gier, von Inbesitznahme und Entmenschlichung gezeichnet ist, erleben wir junge Menschen, junge Musiker, die geben, die schenken. Die es sich nicht so leicht und angenehm wie nur immer möglich machen und die nicht von der aktuellen „Haben-Mentalität“ besessen sind, sondern ein langes Tageswerk harter Arbeit bewältigen, um besser schenken zu können.“ (Zitatende)

 

Grosser Respekt vor der Jugend wird in diesem Worten ebenso deutlich, wie eine grosse Strenge hinsichtlich einer vorbildlichen Lebensgestaltung. Gerade auch sich selbt gegenüber war sie anspruchsvoll: langes Tageswerk, harte Arbeit.

 

In einer anderen Ansprache drehte sie den Spiess aufs Schönste um: „In diesem Sinn kann diese Jugend (die jungen Pianistinnen und Pianisten) als VORBILD funktionieren.“ Denn Horty hat, wie Iso Camartin treffend bemerkte, mit der Gründung des Concours Géza Anda (Zitat) „etwas unendlich Wichtiges getan. Es war ihre grosszügige Antwort auf die Frage: Hilft es Vorbilder zu haben?“ (Zitatende)

 

Mit der Schaffung des Concours Géza Anda, der inzwischen zu den bedeutendsten internationalen Klavierwettbewerben gehört und einer grossen Zahl ausserordentlicher Pianistinnen und Pianisten den Weg auf die Konzertpodien der Welt möglich macht, hat Hortense Anda das zürcherische, das schweizerische und das internationale Musikleben wesentlich bereichert. Dieses Werk war es, mit dem sie sich bis in die letzten Lebensjahre in allen Belangen identifiziert hat, das ihr zum wichtigsten Anliegen wurde.

 

Das Vorbild Géza Anda prägt den Concours in allen Belangen. „Das Leben mit ihm war reich, bunt und spannend.“ sagte Horty in einem Interview. Die Bewunderung und Wertschätzung, die sie der eindrücklichen Persönlichkeit, der glasklaren Musikauffassung und der souveränen Pianistik Géza Andas entgegenbrachte, haben Hortense Anda nach Gézas frühem Tod, die Einrichtung des Concours nahegelegt.

 

Die gegenseitige Faszination, welche das Ehepaar Anda verband, hat mit einem ihnen gemeinsamen besonderen Empfinden für eine Haltung zu tun, die wir „Stil“ nennen. Die zwei Begriffe „Anmut“ und „Würde“, die Friedrich Schiller dem „Erhabenen“ zur Seite stellt, finden sich im profaneren Wort „Stil“ aufgehoben, und natürlich einmal mehr das Traditionsbewusstsein und - im Sinne der Verpflichtung der Tradition gegenüber - auch die Treue. Stil ist ein Gegenwort zu Mode.

 

Géza Anda war einer der grossen Pianisten, aber er war nie modisch. Seine und auch Horty‘s Kunstauffassung waren niemals im Trend. Es gab da eine Unbedingtheit die gleichsam rücksichtslos, ohne das Schielen auf Erfolg, kurzlebige Anerkennung oder Zustimmung, gelebt wurde und auch im Alltag „stilbildend“ war.

 

Bei aller minuziösen Handwerksarbeit zeichnete sich Géza Andas Musizieren, sein „Personalstil“, wesentlich durch Grosszügigkeit aus. Im grossen Klang und der grossen Geste bündelte sich die Feinarbeit. Bei aller Präzision in unternehmerischen und rechnerischen Fragen, war es eine analoge Grosszügigkeit, welche die Kulturfördererin Hortense Anda charakterisierte. Es war Grosszügigkeit in ihrem Schenken und grosszügig war auch das Denken, das dahinterstand und übergeordneten Leitlinien folgte.

 

Was die öffentliche Präsenz angeht, hielt sich die grosszügige Mäzenin zurück, auch wenn sie in wichtigen Augenblicken immer wieder im Zentrum stehen musste. Es war laut der Neuen Zürcher Zeitung „Fräulein Hortense Bührle“, die 1958 den Erweiterungsbau des Kunsthauses dem Stadtpräsidenten übergab. „Was hätte wohl mein Vater gesagt“, begann ihre – wiederum laut der Neuen Zürcher Zeitung – „schlichte sympathische Ansprache“.

 

Die Anfangsworte sind bezeichnend. Horty nahm die eigene Person, soweit es möglich war, zurück, schmückte sich nicht mit fremden Federn. Die Fotos von damals zeigen sie in aufrechter Haltung und mit dem geraden Blick, der ihr beim Zugang auf Andere eigen war.

 

Die Stichworte Bescheidenheit und Zurücknahme führen uns zum dritten Lebenskreis von Hortense Anda, in die Retraite, ins Paradies nach Ascona, in ein Haus, welches ihr von den Eltern hinterlassen wurde.

 

Immer wieder wurde das Haus umgestaltet, den wechselnden Bedürfnissen angepasst. Gästezimmer wurden angebaut und mit Baderäumen versehen. Ob in Zürich, St. Anton oder Ascona: offene, gastliche Häuser waren angesagt.

 

Ein Zimmer allerdings – so erzählt Gratian Anda – blieb weitgehend im ursprünglichen Zustand. In das Badezimmer gelangt man nur über den Korridor. Es ist Hortys Zimmer, und es zeigt in eindrücklicher Weise, dass sie für sich selber keinen zusätzlichen Luxus beanspruchte, und deshalb auch nie etwas umbaute. Der Blick aus dem Fenster, in den Garten und die vertraute Umgebung waren ihr wichtiger.

 

Ascona war der Erholungsort schlechthin, eine Insel im Trubel eines bewegten, reichen und anspruchsvollen Lebens. Er machte das Einatmen wieder möglich, schenkte stärkende Stille. Die Bescheidung in Ascona entsprach einer inneren Bescheidenheit. Den Blick in den Garten hat Hortense Anda auch in ihren letzten Tagen in Zürich gesucht.

 

Sie sehnte sich nach Luft und Licht, nach ihren Bäume und ihren Pflanzen, wäre gerne mit Hunden draussen spaziert, vermied es, von einer Erkrankung zu sprechen, die sie lange Zeit nicht wahrhaben wollte. Ihren Nächsten aus Familie und Freundeskreis wird der Abschied am Fenster in Erinnerung bleiben.

 

Shakespeare elftes Sonett schliesst mit den Versen: „… dir ward mehr; / So reiche Gabe sollst du reichlich brauchen! / Natur schnitt ihren Stempel dich und sprach: / Lass ihn nicht untergehen, präg‘ ihn nach.“

 

Hortense Anda hat das internationale Kulturleben aus eigener Kraft und Überzeugung, sich selber, ihren Vorbildern und den ihr wichtigen Traditionen treu, im Sinne ihres Vaters und ihres Mannes gefördert und geprägt. Ihr Lebenswerk, getragen von Grosszügigkeit und Bescheidenheit, von Jahren harter Arbeit, wirkt weit in die Zukunft. Es wird nicht untergehen und in unser aller Dankbarkeit weiterleben.

 

Lieber Gratian, liebe Lidija

 

In die dunkle Zeit des Abschieds soll das Bewusstsein um diese Zukunft hineinleuchten, wie das Abendlicht durch die Fenster der Zollikerstrasse.

 

Ein anderes Licht, ein Morgenlicht, strahlt Euch tröstlich. Horty wusste, dass auch in anderer Weise „ihre Prägung“ weiter wirken werde. Sie freute sich mit Euch auf eine kleine Sonne, die ihren Aufgang für den kommenden August angekündigt hat. Das Leben geht weiter. Der freundschaftlichen und familiären Verbundenheit dieses grossen Kreises seid ihr sicher. Ich darf mich dankbar dazu zählen.

 

 

Ein Leben für Kunst und Musik

Hortense Anda-Bührle gestorben

 

Die Leidenschaft für die Kunst wurde Hortense Anda-Bührle in die Wiege gelegt In ihrem Elternhaus gingen Maler, Künstler und Autoren aus der ganzen Welt ein und aus. Hortense Anda-Bührle wurde 1926 in Zürich geboren, nachdem ihre Familie zwei Jahre zuvor von Deutschland in die Schweiz gezogen war, wo ihr Vater Emil G. Bührle die Geschäftsführung der Schweizerischen Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon übernahm.

 

Nach dem Tod ihres Vaters 1956 wurde Hortense Anda-Bührle Miterbin und Grossaktionärin der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon. Ausserdem engagierte sie sich in verschiedenen Verwaltungsräten. Gemeinsam mit ihrem Bruder erbte sie auch die heute weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Kunstsammlung, die seinerzeit ihr Vater aufgebaut hatte. Ein Grossteil davon wurde bekanntlich 1960 in die Stiftng Sammlung E.G. Bührle übergeführt. Seitdem war Hortense Anda-Bührle Präsidentin der Stiftung. Im vergangenen Jahr wurde sie aufgrund ihrer Verdienste um die Kunst und insbesondere um die Zukunft des Kunsthauses Zürich zum Ehrenmitglied ernannt. Obwohl sich die Stiftung etwa zu Zeiten der Bergier-Kommission nicht immer sehr zugänglich gab, war ihr Engagement für das Kunsthaus stets beachtlich. So soll in den geplanten Erweiterungsbau des Kunsthauses die Sammlung Bührle als Leihgabe einziehen. Um dies zu ermöglichen, wurde die Sammlungsgeschichte unter dem Präsidium von Hortense Anda-Bührle gründlich aufgearbeitet.

 

Ein Glücksfall für die Musikförderung war die Heirat von Hortense Bührle und dem Pianisten Géza Anda im Jahr 1964. Fortan war auch die Musik Mittelpunkt in Hortense Anda-Bührles Leben. Nach dem frühen Tod ihres Mannes 1976 gründete die Witwe die Géza Anda-Stiftung. Seit nun schon über drei Jahrzehnten richtet diese im Drei-Jahres-Turnus in Zürich den Klavierwettbewerb Concours Géza Anda für junge Pianistinnen und Pianisten aus. Die Mäzenin engagierte sich asserdem für zahlreiche weiere Ideen und Vorhaben, wie beispielsweise die Restaurierung und den Umbau des Kartäuserklosters in Ittingen oder das Musikdorf Ernen.

 

Kurz vor ihrem 88. Geburtstag ist Hortense Anda-Bührle am 16. Mai im Kreis ihrer Familie gestorben. Die Schweizer Wirtschaft und Kultur verliert mit ihr eine prägende Persönlichkeit.

 

Neue Zürcher Zeitung - 20. Mai 2014 / Philipp Meier

 

 

Laudatio für Frau Hortense Anda-Bührle

Zum Auftakt des Concours Géza Anda 2012 bei Musik Hug, Zürich, Steinway Gallery, 31. Mai 2012. von Prof. Iso Camartin

 

Ich darf ein paar Worte zu Frau Anda sagen, insbesondere zu ihren Verdiensten als Gründerin und Mäzenin des Concours Géza Anda.

 

Was ist die Strahlkraft eines Vorbilds, im Künstlerischen, aber auch im Menschlichen? Es ist das unvergleichliche gestalterische Vermögen, das von der Persönlichkeit eines Künstlers wie Géza Anda ausgeht. Und es ist eine geheime Verpflichtung, die sich aus einem derartigen Vorbild ergibt. Etwas findet in einer Person eine solche Ausprägung und Gestalt, dass es als Messlatte für künftige Generationen gelten kann. Wobei man gleich sagen muss: Einem Vorbild nähert man sich nicht durch Imitation, sondern durch individuelle Anstrengung, durch Nachdenken, durch freiheitliche, durch nicht-sklavische Bewunderung. Das Vorbild ist die „prae-figuratio“, die vorausgehende Gestalt, welcher man gerecht zu werden versucht.

 

Um Grosses zu erreichen, muss man üben. Das weiss jeder. Eigentlich üben wir unser Leben lang. Wir üben den Aufstieg, den Abstieg, das Antreten und das Abtreten, wir üben in der Liebe, im Sport, in der Musik, im Geduldig-Sein und im Ausharren, wir üben das Spurten und das Warten, und der französische Philosoph, Politiker und Diplomat Michel de Montaigne war der Ansicht, es sei sehr wichtig, bereits zu Lebzeiten das Sterben zu üben.

 

Üben hat zu tun mit Zielgerichtetheit, mit Konzentration, mit Durchhaltewillen, mit Konsequenz, mit Methode, mit Technik, mit Selbstüberwindung, mit Selbstüberlistung - tatsächlich: mit sich selbst und seine Schwächen überlisten hat Üben sehr viel zu tun. Es hat aber auch - das wissen wir alle - etwas mit Lust zu tun. Wenn diese fehlt, ist das meiste schon verloren.

 

Es gibt ein Stück von Shakespeare, das Love's  labour's lost heisst - auf deutsch: Verlorene Liebesmüh. Love's labour bedeutet so etwas wie die Wehen der Liebe, die Mühen, die Krämpfe. Es ist schon etwas Vergebliches in dem ganzen Übungsgeschäft, gerade wenn es um die Liebe oder um die Musik geht, und niemand wird es aus der Welt reden können, dass wir alle irgendwie auch mitten auf der Strecke bleiben. Wir kommen nie ans Ende. Und darum enthält der Ausdruck 'Love's labour's lost' auch die Frage: Lohnt es sich überhaupt anzufangen? Shakespeare fragt es in Bezug auf die Liebe. Lohnt sich die Bemühung? Jeder, der schon geliebt hat, ist um eine Antwort nicht verlegen. Auch jeder, der schon geübt hat, weiss, dass es sich trotz Plage und Mühsal letztlich ja doch lohnt. Selbst wenn wir nicht dort hinkommen, wo wir möchten.

 

Üben heisst, mit einer besonderen Art von Energie etwas unternehmen in der Erwartung, dass es danach besser geht. 'Eifer' im Deutschen wird lateinisch übersetzt mit 'studium'. Studium heisst eben nicht nur die Tätigkeit des Studierens, sondern auch der Fleiss. Musiker spielen, wenn sie eifrig sind, jene besonderen Stücke und Studien, die bei ihnen  'Etüden' heissen. Denn ohne Etuden, ohne das eifrige Streben nach dem Bestmöglichen, gibt es keine Meisterschaft – das weiss jeder Musiker. Clementi ante portas, damit man Schubert so spielen kann, wie es seiner würdig ist.

 

In den Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hat der grosse niederländische Gelehrte Johann Huizinga ein Buch geschrieben, das auf folgender Grundüberlegung beruht: Nicht der 'homo faber' oder der 'homo religiosus', der 'homo politicus' oder der 'homo oeconomicus' ist das wirklich Besondere am Menschen. Das eigentlich Humane erscheint am deutlichsten im Homo ludens. Huizinga entwickelt die Ideale des spielenden und des spielerisch durchs Leben schreitenden Menschen. In diesem Homo ludens liegt der besondere Schlüssel, um auch mit dem Phänomen des Übens produktiv umzugehen. Spiel bedeutet niemals Beliebigkeit, sondern immer die Anerkennung von Regeln, nach denen etwas abläuft. Aber zum Spiel gehört ebenso notwendig die freie Entfaltung innerhalb gesetzter Regeln. Ja sogar die leichte und kluge Überwindung von Hindernissen, die uns die Natur in den Weg legt. Wir wollen am Ende unseres Lebens nicht übungsbeschädigt da stehen, als Fleisskrüppel und Trainingsinvaliden! Der Sinn des Übens ist die Gewinnung von Freiheit. So wie wir es in der Musik bei Künstlern erleben, die man als die glücklichen Überwinder von Schranken und Hemmnissen erfährt.

 

Was ist das Besondere an den wahren Künstlerinnen und Künstlern? Man siehst ihnen nicht an, nicht das Geringste. Sie kommen daher, als seien sie absehbar wie unsereins. Dann setzen sich an den Flügel, und man hört es sofort: Hier ist ein Wesen der Sonderklasse am Werk. Keine Schwerkraft, die belastet; keine Herausforderung, die eingrenzt; keine Materie, die Widerstand bietet. Alles ist schnell und leicht, fliegend uneinholbar, man bleibt mit offenem Mund davor stehen, staunend und stutzend wie der sprichwörtliche Esel am Berg. Geht da etwas nicht mit rechten Dingen zu! Sind Schwindler am Werk, „istrioni“, Täuschungskünstler, die uns mit Tricks hinters Licht führen? – Doch es ist keine Sinnestäuschung, der Pianist hat einen Namen, er ist aus Fleisch und Blut. Er macht es vor, wie es zu sein hat.

 

Darum sind begabte Künstler die Garanten dafür, dass das Leben vollkommen sein kann und dass auch das Allerschwerste den Menschen in Ausnahmefällen gelingt. Sie haben durch ihre körperliche Ausstattung und ihre geistige  Begabung die besondere Fähigkeit, Glück zu versprühen gerade für jene, die täglich erfahren, wie beschränkt ihre Möglichkeiten sind und wie gross dennoch ihre Wünsche bleiben.

 

Géza Anda war ein grosser Pianist, ein grosser Musiker, ein grosser Mensch. Ich habe ihn persönlich nicht gekannt, und dennoch scheint er mir ein Vertrauter zu sein. Ich würde nicht auf die einsame Insel gehen, ohne seine Bartok Konzerte mit Fricsay, ohne seine Schumann Einspielungen, ohne seine Aufnahmen der Mozart-Konzerte.

 

Als Frau Anda-Bührle 1979 den Concours Géza Anda gründete, hat sie etwas unendlich Wichtiges getan. Es war ihre grösszügige Antwort auf die Frage war: Hilft es, Vorbilder zu haben? Der Concours Géza Anda hat Dutzenden von begabten, motivierten Menschen die Chance gegeben, sich angesichts der Leistungen eines der grossen Pianisten des 20. Jahrhunderts zu fragen: Wo stehe ich? Tauge ich zu dem, was ich am meisten begehre? Bin ich stark, phantasiebegabt, motiviert genug, um durch die Niederungen, die Anfechtungen, die Selbstzweifel eines Künstlerlebens zu gehen?

 

Liebe Frau Anda-Bührle, dafür gilt es, Ihnen zu danken. Sie haben die Überzeugungskraft, die Energie, den Enthusiasmus eines grossen Pianisten und Musikers gleichsam in den Herzen junger Menschen neu entfacht. Sie haben am Vorbild eines Künstlers dessen leuchtende Anziehungskraft freigelegt, sodass eine junge Generation es nun in ihrer eigenen Lebenszeit schafft, durch die Musik Freude, Schönheit und Zuversicht in der Welt zu verbreiten. Unerträglich wird das Leben erst, wenn wir aus dem Auge und aus den Ohren verlieren, was einmal möglich, ja wirklich war und im Reich der Künste zum Ereignis geworden ist. Machen Sie weiter, liebe Frau Anda! Helfen Sie den begabten jungen Menschen von heute, ihren Weg zur künstlerischen Reife zu finden – und vor den grossen Vorbildern nicht zu erschrecken, sondern mutig und frei ihren Spuren zu folgen.

 

Denn die Begabten sterben nicht aus. Aber auch sie brauchen Förderung, Zuneigung und eben Vorbilder. Géza Anda bleibt für jeden Menschen, der so Musik machen will, dass die Welt den Atem anhält, auch in Zukunft ein leuchtendes Vorbild. Sie, liebe Frau Anda, sind für uns alle aber darin ein Vorbild, wie man die bestmögliche Sachwalterin eines grossen künstlerischen Vermächtnisses wird.

 

Zum Ausklang des 9. Concours Géza Anda:

Ansprache der Stiftungspräsidentin im Muraltengut vom 24. Juni 2003

 

In einer Zeit, die von kaltblütigem Machtanspruch und von Gier, von Inbesitznahme und Entmenschlichung gezeichnet ist, erleben wir junge Menschen, junge Musiker, die geben, die schenken, die es sich nicht so leicht und so angenehm wie nur immer möglich machen und die nicht von der aktuellen "Haben-Mentalität" besessen sind, sondern ein langes Tageswerk harter Arbeit bewältigen, um besser "schenken" zu können. Mit ungeheurem Fleiss, mit aussergewöhnlicher Disziplin und mit viel Verzicht steuern sie einen Beruf an, von dem sie wissen, dass zwischen den endlosen Stunden des Partiturenstudiums, des mechanischen Fingertrainings, der Stressbelastung auf der einen Seite und dem finanziellen Ertrag auf der anderen Seite ein schiefes Verhältnis besteht, möglicherweise ein Leben lang. Aber sie werden getragen von Idealismus und Passion zu diesem Beruf - vielleicht sollte man sagen dieser Berufung - einem Beruf, der nur über viel Schweiss und Tränen zu grossem Können führt.

 

Und der Lohn dieses Könnens, dieser Kunst?

 

Ich glaube, er kommt hundertfach, tausendfach zurück an diese Vermittler des Schönen. Er kommt zurück in Form von Dankbarkeit vieler Menschen, die für zwei Konzertstunden glücklich gemacht werden, vielleicht in einem Schmerz getröstet, vielleicht für einen zeitlosen Moment einem mühseligen Alltag entrückt werden.

 

Diese Form der Nächstenliebe, dieses bedingungslose Schenken, "Sich-Verschenken" der jungen Musiker verdient unsere Hochachtung und Bewunderung. Nur mit einer solchen Einstellung können wir uns - und ich sage jetzt nicht - eine "bessere Welt", aber "eine Welt, die unseren Vorstellungen etwas näher kommt" erhoffen.

 

Ich möchte schliessen mit einem Dank an alle Teilnehmer des Concours Géza Anda und zu ihnen sagen: Wie gut, wie schön und wie tröstlich, dass es Euch gibt.

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